
Diese und letzte Woche in meiner Praxis: Frauen & Männer, die sehr, sehr betroffen sind von dem Case Collien Fernandez. Männer, die sich und ihr Rollenverständnis, ihre Männlichkeit infrage stellen – Frauen, die schockfrozen sind und sich fragen, gehört mein Partner auch zu denen, bin ich in einem safe space? Und: wie oft habe ich schon patriarcharle Macht/Übergriffe/Verletzungen inner- und außerhalb einer Beziehung erlebt?
Machtdemonstration von Männern gegenüber Frauen, davon bin ich überzeugt, gehört zu dem Leben einer JEDEN Frau. Es ist eine Frage des Ausmaßes – und sie auch als solche zu erkennen. Täglich in meiner Praxis höre ich neue Beispiele. Da gibt es den Mann, der der Frau unterstellt, fremdgehen zu wollen, obwohl sie nur einen männlichen Freund trifft. Den Mann, der sich beim Sex nicht um den Orgasmus seiner Partnerin schert. Den Mann, der den Geschlechtsverkehr fortführt, obwohl die Partnerin keinerlei Zeichen von Joy zeigt.
Die Süddeutsche Zeitung hat am 01. April einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht:
Männer, lasst uns reden. – Fünf Männer zwischen 25 und 76 reden über Verantwortung, Rollenbilder, Täterprofile, und die Frage, was sich ändern muss.
Meine persönlichen Highlights zum Weiterdenken sind:
Felix Banszak, 36, Co-Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen:
„Zu glauben, dass das Problem vom Gewalt gegen Frauen von Frauen gelöst werden kann, wäre falsch. Das Problem müssen vor allem wir Männer lösen, wir verursachen es ja auch.“
Gerhard Hafner, 76, Diplom Psychologe, Gründer der Beratungsstelle „Männer-gegen Gewalt“:
„Wir reden hier viel von Dominanz. Aber viele denken: Ich bin schon emanzipiert, wenn ich nicht dominant bin. Wenn man als Mann keine Verantwortung übernimmt für die Kinder und nur schweigend daneben steht, ist das auch eine Form von indirekter Dominanz. Ich verstehe die Frauen, die diese schluffige Unverbindlichkeit kritisieren. Statt Verantwortung zu übernehmen und in den echten Austausch zu gehen.“
Urs Koerner von Gustorf, 58, Strafverteidiger:
„Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben einen sexuellen Übergriff, aber Juristen wissen mehr über Urkundenfälschung und Hypothekenrecht als über die Frage, wann sexuelles Verhalten strafbar ist und welche Fehlerquellen es in den Strafprozessen gibt. Allein schon das klare Sprechen über Sexualität ist häufig schon ein Problem in gerichtlichen Verfahren.“
Fikri Anıl Altıntaş, 34, Schriftsteller und „HeForShe“-Botschafter von UN Women Deutschland: “ Es erinnert mich daran, was Pornos früher mit meiner Vorstellung von Sex gemacht haben.“ SZ: „Nämlich?“ Altintas: „Das Intimität angeblich Dominanz bedeutet.“
Lukas Honemann, 25, CDU-Bürgermeisterkandidat im hessischen Wesertal: „Auffallend viele der von mir untersuchten Täter hatten ein schwieriges Verhältnis zu ihren Vätern. … Es braucht also eine zuverlässige Familie und es braucht stabile Freundschaften, nicht im Sinne von „Saufen, hart sein, höhöhö“, sondern Männer, die einander emotionale Unterstützung geben.“
Altıntaş: „Viele Studien zeigen: Wenn in einer Ehe die Care-Arbeit gerecht aufgeteilt ist und die Väter ihre Rolle wirklich ausfüllen, da sind, ihre Weichheit zeigen, hat das zur Folge, dass die Kinder weniger Gewalt ausüben.“
Ich finde, es ist höchste Zeit, als Mann sich selbst zu fragen, was ist mein persönlicher Beitrag. In meiner Praxis thematisieren Klienten oft Fragen der männlichen Identität, Erfahrungen mit und Verletzungen durch den eigenen Vater, ihre eigne Rolle als Vater, fragen sich, wie kann ich mehr Zugang zu meinen Emotionen bekommen und auch, wie darf/soll/muss/kann ich mich beim Sex mit meiner Partnerin verhalten? Aus meiner Sicht kann das der Beginn eines sehr lohnenswerten Weges sein, das hat Potential!